Zwischen hier und da … Wie viel lernen wir aus globalen Geschichten?

Vor vier Jahren war ich ein Neuankömmling in Deutschland. An einem Weihnachtstag ging ich nach Bad Nauheim, um unter anderem Nikolaus-Figuren und bestimmte Süßigkeiten für meine Kinder zu kaufen. Nach eineinhalb Stunden, kam ich an einem Denkmal vorbei, dem monumentalen Bronzestuhl, der mit einer Jacke bedeckt ist, um an die Deportation der jüdischen Gemeinde zu erinnern. Ich setzte mich auf den Stuhl neben die Jacke und ließ die klamme kalte Dezemberluft zwischen uns vorbei ziehen. Ich schloss die Augen und musste in Gedanken keine 70 Jahre in die Vergangenheit reisen, um das große Elend, die Qual und die Angst der Opfer zu spüren. Ihre Wurzeln wurden aus den Nest ihrer Erinnerungen, aus dem Boden, der sie einst ernährte, gerissen. Nein, ich musste nicht, warum sollte ich, wenn die Gegenwart einen ähnlichen Film auf einem anderen Band abspielt? Zu dieser Zeit war meine Erinnerung frisch, meine Wunde war offen. Zu dieser Zeit, Aleppo Stadt war Zeuge einer Massenevakuierung seiner Menschen, die mehrere Monate lang belagert worden waren. Alte Männer, Frauen und Kinder, diejenigen, die die schwächsten Ziele und nicht für den Krieg geeignet sind wurden vertrieben. Ein Foto von Tausenden, von einem alten toten Mann, zog damals meine Aufmerksamkeit an. Ich stellte mir vor, dass er ging und ging, dann ohnmächtig wurde und sich schließlich ergab und sich zur Ruhe legte, starb. Sein Mund war offen, seine Koffer war mit schönen Erinnerungen angefüllt und mit Bändern der Hoffnung zugeschnallt. Der Koffer lag neben ihm, schmutzig und beschädigt. Ich stellte mir ihn, durch die Tatsache der Entwurzelung, traumatisiert vor. Ein fast 90-jähriger Mann, der in dieser Stadt aufgewachsen war, ertrug kein Exil und starb am Rande seines geliebten Heimes. Mit all diesen fliegenden Gedanken hier und da, der Jacke auf der Bank, dem Koffer auf der Straße, schrieb ich einen Text über meine Gedanken und Gefühle. Abschließend hatte ich das Gefühl, dankbar sein zu müssen, dankbar für ein Zuhause, in das ich zurückkehren, meine Kinder umarmen und Freude, Hoffnung und Liebe in ihre Herzen pflanzen kann. Dieser Text wurde später übersetzt und am Heiligabend 2016 in der Wetterauer Zeitung veröffentlicht. 

Heute, nach vier Jahren, kam mir die ganze Geschichte wieder in den Sinn, und ich frage mich, ob für uns jemals solche Geschichten verschwinden! Denn gründlich, zu vergessen ist ein Akt der Täuschung. Als ich mich an diesen Text erinnerte, lebte ich wie jede heutige Mutter „multifunktional“, kochte, las Zeitung und telefonierte gleichzeitig mit meiner Mutter. Also, die Geschichten verzahnten sich. Ich fragte mich, ob mir aufgrund der sich derzeit verschlechternden Situation in Syrien – das Leben der Menschen wird immer elender– dies alles in den Sinn kam. Meine Mutter hatte mir viel davon erzählt. Mit der Pandemie und den amerikanischen Wirtschaftssanktionen oder ohne, es gibt nichts Neues, es gibt sowieso keine Definition von „anständigem Leben“. Die Menschen haben in diesem Jahr viel Landwirtschaft betrieben, sagte mir meine Mutter, da sie die tägliche Grundversorgung zu geringeren Kosten benötigen. Sie machten sich Sorgen wegen des riesigen Feuersturmes, der im vergangenen September ihre Oliven- und Apfelbäume in Brand setzte und in die östlichen Wälder alter Kiefern, Kastanien und seltener Zedern kam, die bis in die libanesischen Wälder reichten. Es gab weder Strom, um genug Wasser zu pumpen, noch genug Feuerwehrmänner und Ausrüstung, um die Flammen zu löschen. Ich habe meine Mutter heute wie immer gefragt: „Aber was könnte man tun? Und wie wird das alles zu Ende gehen“ Und sie antwortete mit gebrochener Stimme: „Ich weiß nicht! Wir leben nur noch durch Zufall! “. 

Hier, nordwestlich von dort, fiel mir ein ganz anderes Bild auf, während ich die Zeitung las. Seit langem ist es wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Debatte und der Medien. Doch erst jetzt haben die unaufhörlichen mutigen Demonstrationen der Umweltaktivisten gegen die Abholzungsmaschinerie des Dannenröder Forstes mein Denken dazu veranlasst, alles parallel zu sehen. 

Ich fragte mich: Warum denken wir vor Ort? Warum nicht universell? Vielleicht ist derjenige gesegnet, dessen Herz zwei Heimatländer hat, zwei gegensätzliche Realitäten und zwei unterschiedlich schöne Aufenthaltsorte kennt. Universelles Denken bedeutet unter anderem, selbstlos zu denken und damit für die Zukunft zu denken; lokal denken heißt, die Dinge eng und vorübergehend zu beurteilen. Mit den fruchtbaren Feldern und brennenden Wälder in Syrien im Hintergrund fragte ich mich: ist eine Autobahn wirklich wichtiger als der natürliche Wald!

Ich bin nicht in diesem Land aufgewachsen, ich hatte nie Kindheitserinnerungen in diesen Wäldern, aber mich zieht es  immer wieder in die Waldwege. Ich finde Zuflucht unter dem Schatten der Bäume im Griedeler Wald, hier in Butzbach, wenn ich die Qual in meinem Herzen spüre. Die Tatsache, dass ich Frieden und Gelassenheit fühle, wenn ich darin gehe. Mit allen Sinnen genieße ich die Stimmen, Gerüche, die feuchte Luft, die mein Gesicht sanftkitzelt. Immer wenn ich dort bin, erinnere ich mich an einen weisen Satz, den ich einmal gelesen habe: „Die Wildnis spricht zu unserer eigenen Wildnis“, und deshalb fühlen wir uns unbewusst darin wohl. Vielleicht weiß man nicht genau warum, aber ich glaube zutiefst daran und weiß es aus eigenem Erleben. Wurzeln schneiden ist aggressiv, brutal und schmerzhaft; es ist auch unnötig und darf nicht geschehen. 

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Nuha Askar