Von Verlust und Hoffnung

Ich versuchte, an dem Denkmal vorbeizugehen, damit ich keine Minute meiner wertvollen Shopping-Zeit entlang der Parkstraße in Bad Nauheim verschwende. Doch ich war wie hypnotisiert von der ernsten Atmosphäre, die diese Parkbank und die bronzefarbene Säule umgab. Ich vergaß alle meine Pläne und blieb stehen.
Beim Überfliegen der 278 Seelen, bestätigten sich meine Vermutungen: Was sind die Verluste einer jeden Familie; wie viele Kinder (Mädchen, Jungen)? Würde eine Person ohne andere Verwandte darauf hindeuten, dass sie sie allein gelassen hatten?
Während ich neben der willkürlich abgelegten Jacke sitze, über die wohlgestalteten Linien streichele, dreht sich das Rad des Lebens zurück in die Zeit des Wartens auf Erlösung – wie in Becketts »Warten auf Godot«. Über 70 Jahren hat die Jacke auf die Berührung der Wiederbelebung gewartete, darauf, die Person wieder zu umarmen, die einst gewaltsam aus ihrer Stadt und von ihrem Zuhause vertrieben wurde.
Nach dem Ausflug in das geschäftige Treiben der Stadt, in der Hand habe ich Tüten gefüllt mit Nikolaus-Schokolade und anderen Süßigkeiten, setze ich schließlich meinen Fuß in den Zug nach Butzbach. Eine fünfminütige Abfahrtsverzögerung reicht, um mir ein wenig Ruhe zu verschaffen, um meine Augen zu schließen und mir den Segen davon zu vergegenwärtigen, dass ich am Leben bin, und dass ich nach Hause gehen kann – zu meinen mich erwartenden Kindern.
Beim einsetzenden Gezische der metallischen Räder, bin ich zurück in der Realität. Die Erleichterung bricht sofort zusammen, als ich meine Facebook-Seite öffne, um die täglichen Nachrichten zu lesen. Wir sind süchtig nach diesen Nachrichten geworden, seit mein Land sich in ein hässliches Puppentheater verwandelt hat. Die schlechten Nachrichten aus Aleppo überschwemmen die sozialen Medien mit Bildern, Videos, Bitten und hektischen Neuigkeiten. Die Massenzerstörung im östlichen Bereich der Stadt verschleiert die marschierenden Menschengruppen, die mit ihren Kindern und ihrem Besitz aus diesem höllischen Alptraum drängen.
Aleppo ist seit Jahrzehnten bekannt als industrielle Hauptstadt Syriens, der alte Markt ist aufgeführt in der Liste der UNESCO-Welterben, eine 4000-Jahre-alte Perle im Mittleren Osten. Wie können großartige Städte weinen, wie können sie bluten?
Das Foto eines Mannes, der auf dem Boden liegt, erscheint auf dem kleinen Bildschirm, neben seinem Arm liegt eine gefüllte Tasche. Seltsamerweise wünsche ich beim Betrachten, es wäre eines dieser Bilder, das in einer Ausstellungen eines wohlhabenden Künstler hängt, der sich damit rühmt, wie viel Elend dort in der dritten Welt herrscht.
Ich halte meinen Finger still, höre auf über den kleinen Bildschirm zu scrollen und schaue mir die Details an. Welche unerträgliche Qual kann ein 60-jähriger Mann in sich tragen, wenn er dazu genötigt wird, auf der Straße der Vertreibung zu gehen? Welche Erinnerungen oder Frustrationen und Sehnsüchte hat er in seine einzige verbleibende Tasche gepackt! Vielleicht konnte er nicht das Land seiner Vorfahren verlassen, er ergab sich dem gnädigen Schuss des Scharfschützen.
Die Tasche wird nicht länger auf ihren »Entpacker« warten; mein geplagtes Land erwartet sehnlich einen Retter, ein Jesus, der in diesen Weihnachtstagen geboren wird, wäre eine passende Alternative zu den russischen Flugzeugen.
Dann sehe ich es klarer: Zwei unterschiedliche Areale und Ären können zwei Bilder miteinander verschmelzen lassen. Und sie können die legitime Frage hervorrufen: Wie ähnlich sind sich Menschen, Kriege, Hoffnungen, Sorgen, Verluste?
Der letzte Gedanken, der mir in den Kopf kommt, ist die Hoffnung, ein Denkmal zu sehen, dass von einem solchen Foto inspiriert, an unsere unschuldigen Opfern in Homs, Aleppo, Damaskus und all den anderen Städten erinnert. In diesem Moment, während ich noch die Wohnungstür öffne,   höre ich meine zwei wartenden Kinder rufen, sie bejubeln die versprochene Schokoladen. Und dann begrüßen sie die Mama.

Nuha Askar

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4 Kommentare zu „Von Verlust und Hoffnung

  1. Sehr Berührend!
    Was denkst Du von den neueren Entwicklungen in Syrien? Wie geht es den Menschen dort? Ist der Krieg überall? Herrscht noch irgendwo „Normalität“?

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo,
    Also deine Artikel berühren mich jedesmal bis ins Knochenmark meines Körpers. Es ist als ob jede einzelne Zelle mitfühlen kann was du beschreibst und wie unsinnig klein und schmutzig
    und zutiefst krotesk und entsetzlich dieser und somit jeder Krieg ist.
    Diese Übersetzung war schon besser als die vom letzten Text, aber man kann immer noch beim Lesen spüren, dass dein Originaltext noch viel tiefgründiger, schlauer und philosophischer in deiner Ausdrucksweise ist.
    Du machst so zutiefst deutlich, was Frieden bedeutet. Weil du hautnah Krieg erlebt hast und deine Gefühle und Gedanken mit so vielem verbinden kannst was uns hier auf unseren letzten Krieg (Denkmal im Park und Bild vom toten Mann mit dem Koffer) hinweist, so daß auch wir wieder begreifen und vor allem fühlen können was Krieg bedeutet.
    Das ist für uns so Wertvoll denn wenn wir in unserer Plastikwelt des schönen Scheins vergessen was andere leiden dann geht unser Mitgefühl verloren und wir werden zu kalten Konsummonstern, die nur noch ihr eigenes äußerlich reiches aber innerlich armes Leben sehen.
    Ich Danke dir dafür, das du uns aufklärst und hoffentlich viele aufrüttelst Gefühle für andere zu haben und auf sie zuzugehen.
    Ich lese jetzt gleich deinen nächsten Artikel.
    Schreib weiter.Ich finde du solltest Journalistin werden statt Lehrerin.
    Silke😘

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Silke,
      dafür werden die Artikel geschrieben. Wir haben unbedingt viele in kommen, deshalb müssen wir mit diesm Thema uns, Deutsche und Flüchtlinge, auseinandersetzen und viel von unseren Erfahrungen oder einfach Gefühlen erzählen. Verurteile werden nicht zwischen die Tür und Angel beseitigt, allerdings sollten wir immer weiter über unseren Skeptizismus und Sorgen besprechen.
      Vielen Dank für Deinen wertvollen Kommentar und freundschaft
      L.G. Nuha

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