»Grenzen existieren nicht«

Nuha Askar aus Syrien schreibt über ihre Eindrücke und Erfahrungen

Butzbach. »Wir wollten nie eine Kriese für jemanden sein«, sagt Nuha Askar. Die 35-Jährige lebt seit fast einem Jahr in Deutschland. Mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Sohn wohnt sie in einer Wohnung in Butzbach. Für drei Jahre, erzählt sie, hat die Familie Papiere. Nuha Askar hilft bei der Stadt. Sie übersetzt für andere geflüchtete Menschen, begleitet sie zu Behörden oder zu Ärzten, hilft beim Ausfüllen von Papieren. Denn was Sprache angeht, hat Nuha Askar einen Vorteil: In ihrer alten Heimat, in der syrischen Stadt Homs, arbeitete sie als Englischlehrerin. Und bereits seit ihrem Studium der amerikanischen Literatur schreibt sie selbst Texte. Nun hat sie einen englischen Text verfasst. Sie beschreibt ihre Eindrücke zur Flüchtlingssituation, ihre Erfahrungen in Deutschland und das Gefühl, das eine Flucht mit sich bringt. Hier nun die Überset zung des Textes von Nuha Askar:

Vor einem Jahr gelangte ich zu einer Erkenntnis: Grenzen existieren nicht! Sie sind eine Illusion, eine politisch-psychologische. Ein Trick, um uns davon abzuhalten, voran zu kommen und wir selbst zu sein. Was sonst kann unsere Träume bezwingen? Oder, ein besseres, ein realistischeres Wort: unseren Willen. Heute staune ich darüber, wie wahr dieser Standpunkt ist.

Machen wir es konkreter – mit einem Fünf-Minuten-Experiment. Schließen wir unsere Augen. Und stellen uns vor, wir sind eingeklemmt zwischen 40 Menschen auf einem schmalen Platz. Plötzlich realisiere ich, dass der Kopf einer fremden Person gegen meinen Hintern gepresst wird. Das Weinen und das Pippi der Kinder. Die Schreie in mir, der Lärm, der Schweißgeruch. All das er- stickt mich. Wie merkwürdig es ist, dass ich den Herzschlag der anderen hören kann. 41 Seelen, die versuchen, zu überleben. Oder einen flüchtigen Blick vom Himmel zu erhaschen, um ruhig zu werden.

Nein, öffne deine Augen noch nicht. Wir sind an Land. Aber sei geduldig, bevor du aufatmest. Bevor du den Sieg über die globalen, negativen Mächte verkündest, die du herausgefordert hast. Bevor du dein Dankesgebet sprichst.

Triff deine Entscheidung: Geh zurück! Oder gehe weiter! Warte und verhungere bis ich dir sage, was du tun sollst. Jubel nicht, wenn du dich selbst erkennst als Don Quijote, der gekämpft hat gegen die Windmehlen der Ignoranz, der Vernachlässigung, der Ohnmacht.

Öffne nun deine Augen, atme aus, danke Gott, deinem Schicksal oder dem Zufall dafür, dass du augenblicklich dein Leid beenden kannst. Am nächsten Tag kannst du auf die Straße gehen, du kannst sagen »Flüchtlinge willkommen« als Reue für einen Fehler, den du niemals begangen hast!

Existieren Grenzen? Natürlich nicht. Nicht, wenn wir in den »Anderen« Menschen sehen, keine Mittel, um mehr Punkte in einem niemals enden wollenden Fußballspiel zu sammeln! Wenn wir versuchen, bis zur Wurzel des Problems vorzustoßen, anstatt eine für kurze Zeit beruhigende Mäglichkeit zu finden. Wenn wir andere als Partner betrachten, um gemeinsam eine Lösung zu finden, statt sie als Teil unsere »Krise« zu sehen. Wenn wir sie ernsthaft und einfach fragen: Was sind deine Hoffnungen, deine Träume? Oder einfacher: Was denkst du…?

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Nuha Askar lebt seit fast einem Jahr in Butzbach. Bevor sie in Deutschland ankam, war die zu großen Teilen durch den Krieg zerstörte syrische Stadt Homs ihre Heimat. (Fotos: nic/pv)

 

In Deutschland habe ich die Bedeutung von Gleichheit entdeckt. Die Möglichkeit, Träume wahr werden zu lassen, die Bedeutung von Würde, der niemals endende Takt des Lebens. Ich schulde Euch ein Wort der Wahrheit: ein tiefes, ehrliches Danke. Und die Hoffnung, uns zuzuhören.

Nuha Askar

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