„Für acht Monate getrennt“ Interview für Wetterauer Zeitung

 

Zwei Wochen überlegen Nuha Askar und Fadi Kabbash, was sie tun sollen. Der Familien- vater hat ein Angebot bekommen: Mit dem Flugzeug kann er nach Europa. Die ganze Fa- milie mitzunehmen, ist zu gefährlich, seine Frau, die Tochter und der Sohn sollen nachkom- men. In Syrien warten sie auf Nachrichten aus Europa.

Heute sitzt das Ehepaar an einem Tisch und erzählt davon. Dass Fadi Kabbash 14 Tage unterwegs war, eine halbe Weltreise ge- macht und mehrere Verkehrsmittel genutzt hat, um nach Deutschland zu kommen. Er erzählt von den vielen Ländern, in denen er gelandet ist (Russland, China, Öster- reich…). Dann schaut er zu seiner Frau: »Und du warst drei Stunden unterwegs…« »Ja«, sagt Nuha Askar lächelnd. »Nonstop von Beirut nach Frankfurt.«

Sie sehen sich an und lächeln. Heute, wäh-

rend sie am Esstisch ihrer Butzbacher Woh- nung sitzen. Es gibt Kuchen. Fadi Kabbash arbeitet bei einem Bäcker. Nuha Askar er- zählt von der Zeit ohne ihren Mann wäh- rend er in der Küche steht, Kaffee kocht. Acht Monate bevor die 35-Jährige und die zwei Kinder aus Syrien gekommen sind, kam der Familienvater an. Er wohnte im Oberwerk, eine Unterkunft am Butzbacher Ortsausgang. Das ist gut ein halbes Jahr her.

Heute lebt die Familie in einer kleinen Alt-

bauwohnung. »Cozy«, sagt die 35-Jährige über die Bleibe. Gemütlich. Und gut gele- gen. »Wir können fast alles zu Fuß errei- chen.« Der Sohn die Schule, die 35-Jährige das Rathaus, wo sie hin und wieder aus- hilft, der Vater die Bäckerei, in der er arbei- tet.

In der Wohnung sind Küche und Wohn- zimmer in einem Raum. Auf dem Wohn- zimmerschrank steht ein Bild der Kinder. Der zehnjährige Sohn und die sechsjährige

Tochter teilen sich ein Zimmer. Das mit den selbst gemalten Bildern an der Tür.

Nuha Askar und Fadi Kabbash sitzen am Esstisch und erzählen ihre Geschichte. Er seine, sie ihre. Am Ende beide die gemein- same. Sie sprechen Englisch. Zwar lernen sie Deutsch, E-Mails zu schreiben, ist kein Problem, doch im Gespräch ist es für sie einfacher, Englisch zu

Acht Monate waren vergangen, seit Nuha Askar ihren Mann und seit die Kinder ihren Vater das letzte Mal gesehen hatten. »Wir haben viele Kerzen für ihn angezündet.«

Doch die Reise der Familie beginnt lange vor der Trennung. Mutter, Vater, Sohn und Tochter lebten in Homs, in einem christli- chen Viertel. Die Nachbarschaft war eine

tun haben, sei die Reaktion gewesen: »Wir können nicht mehr mit euch spielen.«

Etwa zu jener Zeit trifft der Vater auf der Ar- beit eine Person, »der er vertrauen kann«, wie das Ehepaar es schildert. Diese Person habe in etwa gesagt: »Du siehst wie ein Eu- ropäer aus, ich kann dir helfen, ich bringe dich mit dem Flugzeug nach Europa.«

Wie lange braucht es, um diese Entschei- dung zu treffen? Zu sagen: Ich gehe, meine Frau, mein Sohn, meine Tochter bleiben vorerst zurück, weil die Reise zu gefährlich ist.

Es dauert. Zwei Wochen kein anderes Ge- sprächsthema. Abwägen, überlegen, Kosten überschlagen. Pläne schmieden. Vor allem hoffen: »Wir begannen, eine Zukunft für unsere Kinder zu sehen.« Im Oktober 2014 sagt Fadi Kabbash zu.

Der Vater fliegt nach Europa. »14 Tage, sie- ben Flughäfen.« Zum letzten Mal, erzählt er, landet er in Österreich, er fährt mit dem Zug nach Deutschland. Und wartet. Auf seine Frau, auf seinen Sohn, auf seine Toch- ter.«

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»Wir sahen eine Zukunft für unsere Kinder«

Wie sich das anfühlt, deutet er mit einem Wort an, das er auf  sprechen. Noch geht es

schneller, die Geschichte klingt eindrücklicher; die Wörter sind alle da.
Nuha Askar erzählt, sie  hat in Syrien als Englischlehrerin gearbeitet. Heute, in Butzbach, be- sucht sie den Deutschkurs.

Die 35-Jährige ist begabt, was Sprachen an- geht. Einmal, erzählt sie, hat sie ein Zertifi- kat von der Universität bekommen – für ei- nen ihrer englischen Texte. Er handelt von Martin Luther King.

Im Wohnzimmerschrank, neben dem Bild der Kinder, stehen deutsche Bücher – Lese- und Lernstoff. Seit einiger Zeit hilft Nuha Askar bei der Stadt, übersetzt hin und wie- der, wenn die deutschsprachigen Mitarbei- ter im Dialog mit Menschen aus arabisch- sprachigen Ländern sind, sie begleitet Ge- flüchtete zum Arzt, geht mit ihnen zu Be- hörden. »Es ist gut, dass wir so zentral wohnen.«

Dass sie fließend Englisch spricht, bezeich- net sie als großes Glück. »Für mich war es dadurch einfacher, Kontakte zu knüpfen.« Mittlerweile versucht sie, sich mit ihren neuen Freunden auf Deutsch zu unterhal- ten. »So lerne ich schneller.«

Überhaupt hat die Familie viele Alltagsbe- reiche kennengelernt. Das liegt auch an den Kindern. Der Sohn ist im Sportverein, die Tochter nimmt Flötenunterricht. Wovon Nuha Askar auch erzählt: die Faschingssit- zung in Nieder-Weisel. Sie war »sehr lus- tig«.

Spricht das Ehepaar über das Leben in Butzbach, fällt das Wort »overwhelming«, überwältigend. Damit beschreibt Nuha As- kar die Herzlichkeit, mit der sie empfangen worden ist. Ihr Mann hatte bereits Kontakte in Butzbach geknüpft, »alle wollten seine Frau kennenlernen«.

Im Sommer vergangenen Jahres war es so- weit. »Am 17. Juli 2015«, sagt sie. »Dieses Datum werde ich nie vergessen.« An die- sem Tag stieg sie mit ihren zwei Kindern in Beirut in die Maschine und flog nach Frank- furt. Nonstop, dreieinhalb Stunden.

Acht Monate waren vergangen, seit Nuha Askar ihren Mann und seit die Kinder ihren Vater das letzte Mal gesehen hatten. »Wir haben viele Kerzen für ihn angezündet.

»Wir haben Kerzen für ihn angezündet«

Doch die Reise der Familie beginnt lange vor der Trennung. Mutter, Vater, Sohn und Tochter lebten in Homs, in einem christli- chen Viertel. Die Nachbarschaft war eine

tun haben, sei die Reaktion gewesen: »Wir können nicht mehr mit euch spielen.«

Etwa zu jener Zeit trifft der Vater auf der Ar- beit eine Person, »der er vertrauen kann«, wie das Ehepaar es schildert. Diese Person habe in etwa gesagt: »Du siehst wie ein Eu- ropäer aus, ich kann dir helfen, ich bringe dich mit dem Flugzeug nach Europa.«

Wie lange braucht es, um diese Entschei- dung zu treffen? Zu sagen: Ich gehe, meine Frau, mein Sohn, meine Tochter bleiben vorerst zurück, weil die Reise zu gefährlich ist. Es dauert. Zwei Wochen kein anderes Ge- sprächsthema. Abwägen, überlegen, Kosten überschlagen. Pläne schmieden. Vor allem hoffen: »Wir begannen, eine Zukunft für unsere Kinder zu sehen.« Im Oktober 2014 sagt Fadi Kabbash zu. Der Vater fliegt nach Europa. »14 Tage, sie- ben Flughäfen.« Zum letzten Mal, erzählt er, landet er in Österreich, er fährt mit dem Zug nach Deutschland. Und wartet. Auf seine Frau, auf seinen Sohn, auf seine Toch- ter.

Wie sich das anfühlt, deutet er mit einem Wort an, das er auf Deutsch sagt: »Sorgen- voll.« In Butzbach, wo er nach Gießen und Friedberg unterkommt, wohnt er mit zwei syri- schen Männern in einem Raum – »wir waren in der gleichen Si- tuation«.

Unterdessen, Tausende Kilometer entfernt: Nuha Askar verlässt mit ihren Kindern den Libanon. Sie gehen zurück nach Syrien, in das Dorf, aus dem ihre Eltern kommen. Bei der Botschaft, erzählt Nuha Askar, beantragt sie Papiere. Per Telefon und Inter- net ist sie in Kontakt mit ihrem Mann. Bis zum 17. Juli 2015.

»Wir haben das Leben im Libanon kennen- gelernt. Die Hilfsbereitschaft und Möglich- keiten, die wir in Deutschland erfahren, sind überwältigend«, sagt sie.

Am 20. Juli, drei Tage nach der Ankunft,

gehen die Kinder in die Ferienspiele. »Ob- wohl sie kein Wort Deutsch konnten.« Das hat sich inzwischen geändert. Der Junge geht zur Schule, hat vorher einen Intensiv- Deutschkurs gemacht. Die Kleine, »eine sehr gesprächige«, kommt trotz anfängli- cher Frustration (»Keiner versteht mich«) gut mit den anderen Kindern zurecht. Deutschland, sagen die Eltern, ist der »ge- sündeste Ort der Welt für die Kinder«.

Heute sprechen die Eltern darüber, wie gut sich geflüchtete Menschen in die Gesell- schaft einbringen können – wenn man sie lässt. »Wir sind brauchbare Leute«, sagt Nuha Askar.

Sie habe Papiere, um für drei Jahre in Deutschland zu leben. Sie will arbeiten, sich in ihrem neuen Leben einbringen. »Wir wollten nie eine Krise für jemanden sein.«
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Grenzen – illusionäre Linien

Nuha Askar ist Schreiberin. Schon an der Uni in Syrien hat sie viel geschrieben. Für die Internetseite http://www.worldmerit.org hat sie auf Englisch eine Geschichte über die Zeit in Syrien und über die Monate ohne ihren Mann geschrieben. Der Text basiert unter anderem auf E-Mails, die Nuha Askar mit Freunden, die von »einem anderen Teil des Globus« sind, geschrieben hat, darunter auch Freunde aus den USA.

Hier einige frei übersetzte Auszüge aus die- sem Text:

It all started in Syria, in 2011 when war was broken out of nowhere setting fire inside hearts before houses, destroying feelings before foundations.

Es begann in Syrien, 2011, als der Krieg wie aus dem Nichts ausbrach, und die Men- schen erschütterte, noch ehe Bomben ihre Häuser zerstörten.

On October 26, 2011, I wrote to my dea- rest: »Dear June,… I can’t stand it anymo- re! When you hold your baby in your arms

running from a possible deadly shot, when you feel helpless and speechless towards your crying kids as you can’t give answers or stop the madness outside, when your neighbor dies mysteriously, another’s kid- napped –amid all that, you can’t stay fragile or afraid otherwise you will die!…. the best news I can tell you that we are still alive.«

Am 26. Oktober 2011 schrieb ich an meine Freundin: »Liebe June, ich kann es nicht mehr ertragen. Wenn du dein Baby in den Armen hältst, wegrennst vor einem wo- möglich tödlichen Schuss, wenn du dich hilflos und sprachlos fühlst angesichts dei- ner weinenden Kinder, weil du ihnen we- der eine Antwort geben, noch den Wahn- sinn dort draußen stoppen kannst. Wenn dein Nachbar auf mysteriöse Weise stirbt und ein anderer Nachbar gekiddnapt wird – inmitten von alldem kannst du nicht ängst- lich oder schwach bleiben, sonst stirbst du. Die beste Neuigkeit ist die, dass wir am Le- ben sind.«

Today, we are still patient, waiting to get our visa for a new life. Today, I realized ma- ny things: borders are only illusionary lines

invented only in our minds! I crossed the border to Lebanon as a refugee and went back! (…) And most of all, I stepped over the borders between east and west by ha- ving such angelic supportive friends. Now, we are ready to new challenges of a new country and new language, yet, hopefully for a new prolonged peaceful life where my two kids will be educated well and cared for perfectly.

Wir sind geduldig, warten darauf, unsere Visa für ein neues Leben zu bekommen. Heute sind mir viele Dinge klar geworden: Grenzen sind bloß illusionäre Linien, die nur in unserem Kopf existieren! Ich über- querte die Grenze zum Libanon als Flücht- ling und ging zurück! (…) Und am wich- tigsten: Dank der unglaublichen Hilfsbe- reitschaft meiner Freunde habe ich Kontakte im Westen und konnte so die Schwelle zwischen Ost und West übertreten! Jetzt sind wir bereit für neue Herausforderungen in einem neuen Land, in einer neuen Spra- che. In der Hoffnung auf ein friedvolles Le- ben, in dem meine Kinder gut ausgebildet werden, und in dem bestens für sie gesorgt ist.

Butzbach 03.2016

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 Wetterauer Zeitung

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